Wohnprojekt. Mehrere Generationen unter einem Dach.

Alle unter einem Dach.

Vom Single bis zur großen Familie, vom Baby bis zum betagten Ruheständler. Im Wohnprojekt in der Nürnberger Marthastraße leben 103 Menschen, darunter über 20 Kinder, unter einem Dach. „Wir haben uns schon vermehrt“, lacht Karin Charlotte Melde. Sie lebt, arbeitet und engagiert sich seit drei Jahren in dieser großen Gemeinschaft. Insbesondere Letzteres wird in dem Mehrgenerationenwohnprojekt auch ausdrücklich von den Bewohnern erwartet: „Wer bei uns einzieht, sollte schon seine vier Stunden pro Monat in die Gemeinschaft investieren“, so die 58-Jährige.

Gemischte Altersstruktur.

Für die Freiberuflerin Karin Charlotte Melde, die hier als Spezialistin für Kommunikation ihre Wortbinderei betreibt, ist die große Gemeinschaft Freude und Herausforderung zugleich. Die Bedürfnisse, Wünsche, Erfahrungen und Lebenssituationen der Bewohnerinnen und Bewohner könnten unterschiedlicher nicht sein. So kann die Atmosphäre auf den monatlichen Treffen schon mal recht emotional werden. Dort geht es darum, wer wann was putzt, ob man sich auf der Wiese zum Tanzen treffen darf und wer sich an der Gartenpflege beteiligt. Es gibt Workshops und Arbeitskreise. Dort stehen zum Beispiel die Entwicklung der Gemeinschaft, gewaltfreie Kommunikation oder das Seniorenkonzept im Mittelpunkt. Die Altersstruktur ist ganz bewusst gemischt. Damit es so bleibt, wird schon bei der Wohnungsvergabe darauf geachtet, dass je ein Drittel der Bewohner des Wohnprojekts jung, mittleren Alters und über 60 Jahre alt sind.

Eine gemeinsame Geschichte.

Doch wie leben ältere Menschen in diesem Wohnprojekt ihren Alltag? „Wenn sich jemand zurückzieht, dann passiert nicht viel“, sagt Karin Charlotte Melde. „Man muss schon Signale setzen. Da ich schon mit 54 Jahren hier eingezogen bin, kann ich Kontakte aufbauen und Strukturen entwickeln, die auch im Alter Bestand haben können. Es ist ein Vorteil, wenn man eine gemeinsame Geschichte hat.“ Eine gute Sache ist es für die älteren Bewohner auch, dass sie sich Aufgaben suchen können. Der älteste Bewohner, er ist 81 Jahre alt, arbeitet im Garten und als Hausmeister – und hat damit eine Aufgabe. Andere Ältere betreuen Kinder oder helfen bei Hausaufgaben. Oder sind im Arbeitskreis aktiv, der sich mit den Belangen der Kinder auseinandersetzt. Sie überlegen, wie beispielsweise der Spielplatz entwickelt werden kann.

Wohnprojekt. Solidarische Nachbarschaft.

Die Bewohner des Hauses sind zur Nachbarschaftshilfe verpflichtet. Das läuft super, so Karin Charlotte Melde. Es gibt ein öffentliches Reparaturcafé mit Nachbarn diverser Berufsgruppen, wie Schreiner und PC-Experten. Auch ein freiwilliger Solidarfond wurde eingerichtet, in den man in guten Zeiten einzahlt. Braucht jemand mit wenig Einkommen Zahnersatz oder geht die Waschmaschine kaputt, wird einem von diesem tragfähigen Netzwerk geholfen. Das gibt auch Singles mehr wirtschaftliche Sicherheit, besonders wenn im Alter die Rente knapp ist. „In gewisser Weise sind wir nahezu autark, fast wie ein Kloster. Auch weil es etwas Geregeltes hat. Ich fühle mich dadurch im Alltag hier ruhiger als dort, wo ich vorher anonym und isoliert gelebt habe und möchte nie mehr allein wohnen.“

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